Der neue Natur-Museums-Park – oder des Kaisers neue Kleider!

Medienmitteilung vom 14. Mai 2018

 

Vor einem Jahr fand der Spatenstich zum Bau des Parks zwischen dem neuen Naturmuseum und der geschützten Kirche Stephanshorn statt. Geplant war ein Erlebnispark, welcher die Inhalte und Aufgaben des Naturmuseums auch im Aussenraum spielerisch entdecken lässt und eine Verbindungsachse zwischen den beiden markanten Bauten schafft. Am letzten Sonntag wurde der Park der Öffentlichkeit vorgestellt.

 

Diese nicht ganz einfache gestalterische Aufgabe wurde von Frau Robin Winogrond aus Zürich umgesetzt. Um das Interesse der Parkbesucher auf einen Museumsbesuch zu wecken und sie auch zum Denken und Fühlen anzuregen, liess sie zwischen den rollstuhlgängigen Wegen mächtige, verschieden bearbeitete Betonplatten verlegen. Auf diesen finden sich Nachbildungen von Fossilien, wissenschaftliche Fachausdrücke und Zitate mit religiösem oder naturwissen­schaftlichem Hintergrund. Dieser Teil der Anlage ist stimmig und hervorragend gelungen. 

 

Wichtig bei einem Park ist aber nicht nur die Gestaltung mit Wegen und anderer Infrastruktur; im Zentrum steht insbesondere das Bespielen des Parks mit verschiedenen Pflanzen. Geplant wurde eine naturnahe Bepflanzung auf einer vielfältigen Bodenstruktur. Diese hätte zum Ziel gehabt, den Museumsbesuchern unsere einheimischen Lebensräume näher zu bringen.  

 

In Auftrag gegeben war deshalb eine locker bestockte Anlage mit verschiedenen trocken bis feuchten Wiesentypen, mit Waldbodenvegetation sowie bei der Feuerwehrzufahrt mit einem Schotterrasen. Auch ein Forschungsteich hätte für die besuchenden Schulklassen Anschauungs­material liefern sollen.

 

Realisiert wurde nun aber eine einheitliche Steinwüste mit groben Sandsteinbrocken (Abfallsteine aus einem Sandsteinbruch, bis 20 cm Durchmesser). Von der auf dem bewilligten Plan differenzierten Bodenstruktur für die Anlage von verschiedenen Wiesentypen ist nichts erkennbar. Die wenigen Einblicke durch den dichten Schotterbelag auf den eingebrachten Mutterboden lassen vielmehr vermuten, dass durchgehend stark lehmhaltiges Aushubmaterial geschüttet wurde.

 

Auch wenn zwischen diesen Steinbrocken wohl die geplanten Einsaaten getätigt wurden und diese teilweise auch gekeimt ist, kann sich die Vegetation mittel- und langfristig wegen dem fehlerhaften Bodenaufbau nicht in die gewünschte Richtung entwickeln. So braucht z.B. eine trockene Magerwiese stark durchlässige, nähstoffarme und nicht lehmige Böden. Die groben Steinbrocken verhindern zudem eine fachgerechte Pflege der verschiedenen Wiesentypen. Selbst wenn die Wiesen trotz der Steinbrocken gemäht werden könnten, kann das Schnittgut nicht aus dem Geröll entfernt werden. Das geschnittene Gras wird sich also samt Blättern von den eingestreuten Bäumen und Sträuchern zwischen den grossen Steinbrocken anlagern und dort langsam verrotten. Dies verunmöglicht zwangsläufig die Entwicklung der gewünschten Vegetation insbesondere der ökologisch wertvollen Magerwiesen. Ohne die regelmässige Mahd und die anschliessende Entfernung des Schnittgutes, das haben unzählige Versuche gezeigt, wird die frisch angesäte Pflanzenvielfalt schnell verschwinden und die Flächen verbrachen. Die Vegetation wird sich daher auf allen Flächen schnell zu einem trivialen „Einheitsbrei“ entwickeln.

 

Auch die Bepflanzung des Parks mit Sträuchern und Bäumen wird weder zur Förderung Biodiversität noch zum Bildungsauftrag des Naturmuseums einen Beitrag leisten. Neben wenigen Exoten wurde nämlich eine Monokultur von Hainbuchen gepflanzt. Eine zwar einheimische Gehölzart, die aber eine nur sehr geringe ökologische Wertigkeit aufweist. Leider kann auch der neu angelegte Tümpel seiner zugedachten Funktion als Forscherbiotop nicht gerecht werden. Auch hier wurden nämlich flächendeckend grobe Steinbrocken eingebracht.

 

Fazit: Die Grobstruktur des Parks mit den Wegen und den gegossenen Betonplatten ist gut durchdacht und gelungen. Bei der Bepflanzung und Detailgestaltung hat die Umsetzung des Konzepts aber völligen Schiffbruch erlitten. Der Park wird sich zu keiner städtischen Oase der Biodiversität entwickeln und kann auch nicht in den Bildungsauftrag des Naturmuseums integriert werden. Vielmehr ist er ein Beispiel für eine Freiraumgestaltung, welche dem respektvollen Um­gang mit Natur demonstrativ widerspricht.

 

Pro Natura St. Gallen-Appenzell fordert daher von der Stadt St. Gallen umfangreiche Nach­besserungen; sowohl bei der Bodenstruktur als auch bei der Bepflanzung. Weite Teile der Schroppenschüttungen sind vollständig zu entfernen. Selbst die Zufahrt der Feuerwehr muss saniert werden, da die Feuerwehrleute auf diesem groben Geröll in einem Notfall nicht arbeiten könnten. Der Bodenaufbau ist gemäss den geplanten Vegetationstypen zu korrigieren und zumindest ein Teil der Hainbuchen ist zu ersetzen. Zudem muss der Forscherteich neu gestaltet werden, damit er von den Schülerinnen und Schülern genutzt werden kann. 

Zum Schluss möchte Pro Natura St. Gallen-Appenzell der Stadt St. Gallen noch folgenden Typ geben: Auch Projekte von Büros mit klingendem Namen müssen eng und kritisch begleitet werden, damit frühzeitig gemerkt wird, wenn der Kaiser keine Kleider anhat.

 

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Weitere Auskünfte:

 

Dr. Christian Meienberger, Geschäftsführer Pro Natura St.Gallen-Appenzell; 
071 260 16 65, ch.meienberger@pronatura-sga.ch

 

 

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